Motorrad fahren mit Roadbook - so funktioniert's
Die Motorex Rally Experience Teil 1
Faszination Rally - Seit über 35 Jahren fahre ich nun Motorrad. Die meiste Zeit bewegte ich mich davon abseits von befestigten Straßen. Ich kannte meines Erachtens also schon die ganze Offroad Welt, doch letzte Woche wurde ich eines Besseren belehrt.
Wie funktioniert ein Roadbook?
Aber mal von Anfang an. Motorex lud uns zum Rallytraining mit Lyndon Poskitt ein. Lyndon, der einstige Weltenbummler, kippte 2013 in die Rallyszene und sammelte über die Jahre hinweg zahlreiche essentielle Erfahrungen. Als Perfektionist versucht er, diese Erfahrungen zu kategorisieren, zu ordnen und nach Optimierungspotential zu suchen. Seine Leidenschaft bei der Dakar gilt der "Malle Moto Klasse", in der es keinen Support gibt und die Fahrer alle Servicetätigkeiten und Reparaturen alleine vornehmen müssen. Speziell für diese Klasse bietet der ehemalige Flugzeugingenieur nun Trainings in Spanien, Portugal und Marokko an. Die Malle Moto Klasse ist die ursprünglichste Form der Rallye. Nicht nur, dass die Fahrer komplett auf sich alleine gestellt sind, auch sämtliches Servicematerial, Werkzeuge und Zubehör müssen in eine Blechbox, der sogenannten "Malle", passen. Minutiöse Planung und durchdachtes Handeln sind die Grundvoraussetzungen für diese Klasse. Ein wichtiger Teil des Trainings ist der Theorieteil, in dem vorwiegend über das Roadbook gesprochen wird. Das Roadbook besteht aus einzelnen Zeilen und Reihen. Die Zeilen, sogenannte Tulips zu deutsch Fahranweisungen, bestehen unter anderem aus einer Kilometerangabe und Wegweisungen oder Warnungen. Meistens beschreiben die Wegweisungen relativ eindeutig, wo der Weg lang geht. Etwa wenn bei einer Ypsilon Gabelung der linke Weg gewählt werden muss. Heftig wird's dann nur, wenn sich mehrere Wege auf einmal kreuzen, oder wenn kein Weg vorhanden ist und man anhand von Grad und Distanzangaben navigieren muss. Anhand dieser Tulips wird zwischen den einzelnen Wegpunkten navigiert. Die Wegpunkte wiederum sind quasi die Eckpfeiler jedes Rallytracks und müssen ausnahmslos abgefahren werden, sonst droht Strafzeit. Abgeglichen wird das Roadbook mit dem Tripmaster. Der Tripmaster oder Tripmeter ist ein kleines Display, das Auskunft über Geschwindigkeit und Gesamtkilometer gibt. Mit Hilfe eines Bedienteils am Lenker lassen sich die Kilometer korrigieren. Etwa weil man sich verfahren hat und somit mehr Kilometer auf dem Tripmaster hat. Oder weil bei einer breiteren Spur eine andere Linie gefahren ist und somit der Kilometerstand abweicht.
Höchste Konzentration ist gefragt
Was in der Theorie relativ klar und eindeutig klingt, wartet dann in der Praxis mit einigen Tücken auf. Zum einen müssen Roadbook und Tripmaster während der Fahrt bedient werden. Zum anderen versucht man dann doch, einen gewissen Grundspeed beizubehalten. Genau an diesem Punkt trennt sich dann auch die Spreu vom Weizen. Je schneller Du unterwegs bist, desto mehr Aufmerksamkeit widmest Du der Strecke statt dem Roadbook. Damit schleichen sich kleine Flüchtigkeitsfehler ein, wie etwa die regelmäßige Kalibrierung des Tripmasters. Die kleinen Fehler resümieren dann ziemlich schnell in einem Großen und schon sind die durch die Heizerei gewonnenen zwei Minuten dahin, weil Du nun 15 Minuten lang verzweifelt die richtige Abzweigung suchst. Genauso erging es mir am ersten Tag. So hab ich etwa die ersten 15 Kilometer einwandfrei navigiert, ein kleiner Fehler reichte, um mich komplett aus dem Konzept zu bringen. Das Problem an der Sache: Fehler werden erst beim nächsten Tulip bemerkt - dann, wenn laut Roadbook zum Beispiel eine Kreuzung sein soll, die da aber nicht ist. Wenn man so ein Sturschädel wie ich ist, denkt man sich diese Kreuzung mit etwas Fantasie zusammen. Das geht dann so lange, bis man sich komplett verkoffert hat und man mit Puls 200 eingesteht, dass man hier eindeutig falsch ist. In so einem Moment hilft es dann nur, Ruhe zu bewahren und zum letzten passenden Tulip oder Wegpunkt zurückzukehren. Die können dann je nach Sturheit bzw. Fantasie des Fahrers, allerdings schon einige Kilometer zurück liegen. Der Fahrer muss also ständig hochkonzentriert sein und die Umgebung sowie den Tripmaster mit dem Roadbook abgleichen. Mit einsetzender Müdigkeit und einhergehender Konzentrationsschwäche stieg bei mir die Anzahl der Fehler drastisch an. Wenn man sich nun einen klassischen Tag bei der Dakar vorstellt, an dem um 2:30 Uhr der Wecker läutet, man gegen 18:00 Uhr ins Biwak kommt und dann noch das Bike für den nächsten Tag richten muss, gegen 21:00 Uhr zur Fahrerbesprechung geht und selten vor 23:00 Uhr in den Schlafsack kommt, kann man nur erahnen, welchen Strapazen die Fahrer dort ausgesetzt sind.
Im zweiten Teil des Berichtes werfen wir einen Blick auf das Motorrad - die Motorex 450 Rally (online ab 14. Dezember 2022).
Bericht vom 13.12.2022 | 18.313 Aufrufe