Insolvenz, Schulden, Zukunft – Entscheidungswoche für KTM
KTM-Krise: Gläubiger entscheiden über Sanierungsplan
Die Pierer Mobility AG als auch die KTM AG stehen vor der entscheidenden Gläubigerversammlung. Wird der Sanierungsplan angenommen, oder droht eine tiefere Krise? Diese Woche fällt die wegweisende Entscheidung für den Hersteller.
Die wirtschaftliche Krise von KTM zieht sich nun schon seit Monaten und hat den österreichischen Motorradhersteller an den Rand des Konkurses gebracht. Was im Herbst 2024 mit einem massiven Liquiditätsbedarf begann, entwickelte sich schnell zu einer existenziellen Bedrohung für das Unternehmen. Zwischen Sanierungsverfahren, Schuldenbergen und strategischen Rückzügen - darunter der Verkauf von MV Agusta - durchlebte KTM eine turbulente Phase voller Rückschläge, aber auch Hoffnungsschimmer. Nun steht mit der bevorstehenden Gläubigerversammlung die wohl wichtigste Entscheidung an: Wird der Sanierungsplan akzeptiert, oder droht eine noch tiefere Krise?
Verlauf der KTM-Krise: Die wichtigsten Entwicklungen
- November 2024: Liquiditätsprobleme werden bekannt. Mitte November 2024 wird öffentlich, dass die Pierer Mobility AG, die Muttergesellschaft von KTM, dringend eine Überbrückungsfinanzierung in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags benötigt. Der hohe Kapitalbedarf überrascht die Branche, da KTM als wirtschaftlich stabil galt. Gleichzeitig kündigt das Unternehmen eine tiefgreifende Restrukturierung an, die unter anderem eine Reduzierung der Produktionsmengen vorsieht. Ziel ist es, die Lagerbestände zu senken und das Unternehmen auf eine finanziell tragfähige Basis zu stellen.
- Ende November 2024: Insolvenzverfahren eingeleitet. Weniger als zwei Wochen später folgt der nächste Schock: Die KTM AG sowie die Tochtergesellschaften KTM Components GmbH und KTM F&E GmbH beantragen ein gerichtliches Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung. Erstmals wird das gesamte Ausmaß der finanziellen Schieflage bekannt - KTM steht mit 1,8 Milliarden Euro bei Gläubigern in der Schuld. Eine Summe, die selbst Experten überrascht. Besonders kritisch ist, dass Lieferanten mit fast 400 Millionen Euro an offenen Forderungen betroffen sind.
- Dezember 2024: Erste Rettungsschritte. Trotz der bedrohlichen Situation gibt es im Dezember erste positive Nachrichten: KTM sichert sich übergangsweise genügend Liquidität, um den Betrieb bis mindestens Januar 2025 fortzuführen. Gleichzeitig werden Verhandlungen mit Investoren geführt, die bereit sein könnten, bis zu 700 Millionen Euro zu investieren. Zudem fällt die Entscheidung, dass anstelle der ursprünglich geplanten 500 nur noch 300 Stellen gestrichen werden. Um die übervollen Lagerbestände abzubauen, wird die Produktion gestoppt.
- Januar 2025: Führungswechsel & harte Geschäftszahlen. Im Januar erfolgt eine weitere Zäsur für KTM: Langzeit-CEO Stefan Pierer tritt als Vorstandschef zurück, bleibt jedoch in der Position eines Co-CEOs, während Gottfried Neumeister die operative Führung übernimmt. Gleichzeitig werden ernüchternde Geschäftszahlen veröffentlicht: Der Umsatz bricht von 2,7 Milliarden Euro auf 1,9 Milliarden Euro ein, und das Unternehmen verzeichnet einen Verlust von 300 Millionen Euro. Auch die Produktionszahlen gehen deutlich zurück - um 25 Prozent auf 230.000 Motorräder -, während der Absatz um 21 Prozent auf 292.500 Stück sinkt. Um Motorräder trotz der schwierigen Marktlage verkaufen zu können, gewährt KTM hohe Rabatte, die jedoch die Margen erheblich belasten.
- Februar 2025: KTM verkauft MV Agusta Um an liquides Geld zu gelangen, ordnet der Insolvenzverwalter an, dass KTM seine erst 2024 erworbene Beteiligung von 50,1% an MV Agusta wieder verkauft. Die Anteile gehen an das von der russischen Sardarov Familie kontrollierte Art of Mobility S.A. Unternehmen, welches bereits 49,9 Prozent besaß und damit die vollständige Kontrolle über den italienischen Luxusmotorradhersteller zurückerlangt. Die Investition in MV Agusta hatte KTM über 200 Millionen Euro gekostet, was die Krise noch verschärft hat. Wie viel man sich davon wieder zurückholen konnte, ist nicht bekannt. KTM und der nun wieder an MVs Spitze stehende Timur Sardarov halten sich bedeckt und sprechen nur von einem "zweistelligen Millionenbetrag".
KTM-Sanierungsverfahren: Die Woche der Entscheidung steht bevor
Und so kommen wir zurück in die Gegenwart. Der bisherige Verlauf der Krise gleicht einer wilden Achterbahn, doch die wohl entscheidendste Phase steht erst noch bevor: In den kommenden Tagen entscheiden die Gläubiger darüber, ob der Sanierungsplan des österreichischen Motorradherstellers sowie seiner Tochtergesellschaften KTM Components GmbH und KTM F&E GmbH angenommen wird. Gleichzeitig geht es am Donnerstag um die Restrukturierung der Pierer Industrie AG - eine Entscheidung, die maßgeblich über die Zukunft von KTM bestimmen könnte.
Sanierungsverfahren: Gläubiger stimmen über den Restrukturierungsplan ab
Am Dienstag, den 25. Februar 2025, kommt es am Landesgericht Ried zur dritten und entscheidenden Gläubigerversammlung. Hier wird über das von KTM vorgelegte Sanierungskonzept abgestimmt. Insgesamt haben sich 1.170 Gläubiger registriert, darunter zahlreiche Banken, Zulieferer und fast 2.500 Mitarbeiter mit offenen Forderungen. Die Kernfrage lautet: Wird das Angebot von KTM, 30 Prozent der Schulden zurückzuzahlen, angenommen? Zuletzt gab es Widerstand von einer Gruppe von Schuldscheingläubigern und dem amerikanischen Hedgefonds Whitebox Advisors, da ihnen die versprochenen 30 Prozent zu gering waren. Vielleicht aufgrund dieses Drucks oder auf Betreiben anderer Gläubiger, besserte man wenig später nach und verspricht nun bei erfolgreicher Annahme des Sanierungsplans eine Barquote, die das ausständige Geld deutlich schneller an die Gläubiger bringen soll.
Eine Einigung mit den Gläubigern ist essenziell für den Fortbestand des Unternehmens. Sollte der Plan abgelehnt werden, droht ein unkontrolliertes Insolvenzverfahren, welches einen Konkurs der Pierer Mobility AG und KTMs zur Folge hätte. Nicht nur würden so einige Parteien noch weniger von ihrem Anteil des inzwischen auf 2,2 Milliarden angewachsenen Schuldenbergs sehen, sondern auch die Wiederaufnahme der Produktion von KTM Motorrädern wäre damit vom Tisch. Die bisherigen Gespräche mit Gläubigerschützern deuten darauf hin, dass eine Zustimmung wahrscheinlich ist - dennoch bleibt eine endgültige Entscheidung abzuwarten.
Pierer Industrie AG: Erstes EU-Restrukturierungsverfahren in Österreich
Parallel zur KTM-Sanierung steht am Donnerstag, dem 27. Februar, eine weitere richtungsweisende Entscheidung an: Die Muttergesellschaft Pierer Industrie AG nutzt als erstes Unternehmen in Österreich das neue Europäische Restrukturierungsverfahren. Dieses Verfahren ermöglicht es Unternehmen, frühzeitig Maßnahmen zur finanziellen Stabilisierung zu ergreifen, bevor sie offiziell als zahlungsunfähig gelten.
Hierbei geht es insbesondere um die Anleihe- und Schuldschein-Gläubiger der Pierer Industrie AG. Ihnen wurde eine 100-Prozent-Quote angeboten, allerdings mit geänderten Zahlungsfristen, um die Liquidität des Unternehmens zu erhalten. Auch wenn eine Zustimmung als wahrscheinlich gilt, hätte eine Ablehnung drastische Folgen: Sollte das Verfahren scheitern, könnte dies die gesamte Finanzierung der Pierer Mobility AG gefährden - und damit auch die geplante Sanierung von KTM ins Wanken bringen.
Wirtschaftliche Zukunft von KTM weiterhin ungewiss
Unabhängig vom Ausgang der Sanierungsverhandlungen bleibt die Zukunft von KTM eine große Herausforderung. Der massive Schuldenberg von 2,2 Milliarden Euro, der Rückgang der Produktionszahlen und die hohe Abhängigkeit von finanziellen Investoren zeigen, dass sich KTM in einer schwierigen Lage befindet.
Besonders kritisch ist der weiterhin bestehende Produktionsstopp. Rund 130.000 unverkaufte Motorräder lagern aktuell bei KTM und den Händlern. Viele dieser Modelle entsprechen nicht der seit 1. Jänner geltenden Euro5+-Norm und mussten noch 2024 um teures Geld erstzugelassen werden, um nicht unverkäuflich zu werden. Rabatte und aggressive Verkaufsstrategien sind weiterhin notwendig, um die Lagerbestände abzubauen und dringend benötigte Einnahmen zu generieren, auch wenn Händler und KTM selbst dadurch unter geringen Margen leiden.
Investoren als möglicher Rettungsanker?
Ein Hoffnungsschimmer für KTM sind die potenziellen Investoren, die in den vergangenen Wochen ihr Interesse bekundet haben. Besonders die langjährigen Partner Bajaj aus Indien und CFMoto aus China gelten als mögliche Kapitalgeber. Zudem war auch der Österreicher Stephan Zöchling, Miteigentümer des österreichischen Auspuff-Herstellers Remus, als Investor im Gespräch. Zöchling hatte bereits mit einer Finanzspritze Ende 2024 eine sofortige Insolvenz von KTM verhindert. Zusammen mit Bajaj könnte ein Investment von 600 bis zu 750 Millionen Euro bereitgestellt werden, um die Restrukturierung zu finanzieren.
Investoren bergen aber auch ein Risiko für KTM, zumindest für den österreichischen Motorradhersteller in seiner jetzigen Form. Große Änderungen und Umstrukturierungen werden vermutlich unter allen neuen Geldgebern notwendig sein, doch manche Parteien könnten auch das Ende KTMs als eigenständige Marke als Ziel haben. So hat laut dem Nachrichtenprotal OE24 angeblich BMW Interesse daran, KTM zu erwerben, sämtliche Verbindungen zu Österreich zu kappen, die Forschung nach Berlin und Produktion nach Indien auszulagern. Auch die uns bekannten KTM Straßenmotorräder wären dann vermutlich Geschichte und zukünftige Modelle könnten, ähnlich wie das im Autosektor bei VW, Skoda, Audi und Seat der Fall ist, auf dem BMW Baukasten aufbauen. Hierbei handelt es sich bis dato aber um reine Spekulation ohne Belege. Dennoch, die Spannung steigt!
Ob und in welcher Form diese Investoren tatsächlich bei KTM einsteigen werden, bleibt abzuwarten. Offizielle Bestätigungen stehen noch aus, und viele Entscheidungen werden erst nach der Gläubigerversammlung getroffen.
Diese Woche entscheidet über die Zukunft KTMs
Diese Woche wird darüber entscheiden, ob KTM eine Zukunft hat oder ob die Krise weiter eskaliert. Eine Zustimmung der Gläubiger zum Sanierungsplan ist essenziell, doch auch die finanzielle Stabilität der Pierer Industrie AG spielt eine Schlüsselrolle. Sollte eines der Verfahren scheitern, könnte dies das Ende für KTM in seiner jetzigen Form bedeuten. Am Freitag wird klar sein, ob Europas größter Motorradhersteller eine Zukunft hat oder ob eine noch tiefere Krise droht.
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Bericht vom 24.02.2025 | 9.966 Aufrufe