KTM 990 Duke 2024 vs. KTM 990 Super Duke 1. Generation

Wie viel Unterschied machen 20 Jahre Entwicklung?

2005 reichten die 120 PS der Super Duke 990 noch für die Oberliga der Naked Bikes, heute markieren die 123 PS der 990 Duke die (sportliche) Mittelklasse. Ein Landstraßenvergleich klärt, wann wir unersättlich wurden.

20 Jahre KTM Zweizylinder - Dukes aus 2006 und 2024 im Vergleich

Früher war alles besser! Diesen Spruch bzw. verschiedenste Abwandlungen davon lesen wir immer wieder unter unseren Videos. Man ertappt sich auch selbst bei Gedanken wie diesen. Wer kennt sie nicht, die lustigen Geschichten aus der Bundesheerzeit (Anm. in Österreich besteht für alle Männer eine sechsmonatige Wehrpflicht). An das mäßige Essen, die langeweilen Exerzierübungen und das frierend im Matsch liegen denkt man nicht. Wahrscheinlich würden auch die wenigsten Frauen ein zweites Kind zur Welt bringen wollen, könnten sie sich in vollem Ausmaß an die Schmerzen der Geburt erinnern. Der Mensch neigt aus entwicklungspsychologischen Gründen dazu, Vergangenes positiv zu verklären und das ist grundsätzlich gut so.

Aufs Motorradfahren bezogen sind es bei vielen von uns Zweiradenthusiasten tolle Erinnerungen an unbeschwerte Tage mit Freunden auf lässigen Motorrädern. Man hat nichts gebraucht (bis 1982 in Österreich nicht einmal einen Helm) und war dennoch glücklich. Wenn zwei Jahrzehnte später dann die Zeit für solche Trips nicht mehr ausreicht und sich der Rücken und die Gelenke nach zwei Stunden im Sattel bereits lautstark zu Wort melden, verfällt man verständlicherweise in Sehnsucht nach dem goldenen Damals. In einer solchen Gemütslage kann man sich noch so bemühen, doch eine objektive Beurteilung von Umständen, Bedürfnissen, oder auch Motorrädern wird einem sehr schwerfallen. Insofern hilft ein Blick auf die nackten Zahlen.

990 Duke 2024 und 990 Super Duke 2006 Ergonomie und Auswirkung aufs Fahrverhalten

Steigt man auf die neue Duke 990 auf, fühlt sich das nach einem Nakedbike mit sportlicher Geometrie an. Das Gefühl fürs Vorderrad wird durch diese aktive Haltung begünstigt. Die 990 Super Duke kann hier die Offroadherkunft des Rahmens nicht verleugnen. Man sitzt aufrecht und entspannt. Die Kehrseite der Medaille offenbart sich in auf Zug gefahrenen Welchselkurven, die Front wird leicht und das Gefühl fürs Vorderrad intransparent. Das kennt die neue 990 Duke nicht, hier bildet man als Fahrer eine Einheit mit dem vorderen Pneu, jede Unebenheit bekommt man mit, jeder Kieselstein wird rückgemeldet.

Der breite Lenker der 990 Duke würde auch der Urahnin aus 2006 gut zu Gesicht stehen, damals noch als massiv bezeichnet wirkt der Lenker der Super Duke 990 heutzutage beinahe zierlich. Der entspannte Kniewinkel auf der Super Duke lädt zu längeren Ausfahrten ein und auch der alte speckige Sattel ist eine Sänfte zum Vergleich des sportlich straffen aber Grip bietenden Gestühls auf der 2024er 990 Duke, auf der Piloten mit längeren Beinen den spitzen Kniewinkel auf längeren Etappen zu spüren bekommen. Die Super Duke wirkt kompakter als die 990, jedoch ist der Bereich in dem die Sitzbank auf den Tank trifft deutlich breiter als bei der 990 Duke. Am kantigen Tank der neuen finden sportliche Fahrer mehr Halt für aktive Bewegung am Bike während es auf der Super Duke 990 einen Kraftakt und hohe Muskelspannung erfordert, um das Motorrad in aktiver Sitzposition zu bewegen.

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V2 gegen Reihe - welcher KTM Motor begeistert mehr?

Als ruppig und unkultiviert verschrien, habe ich großen Respekt nachdem ich beim Aufsteigen auf die 2006 den 999 Kubik großen V2 anwerfe. Ersten Gang einlegen und vorsichtig Einkuppeln, nur nichts übertreiben - und dann? Positiv überrascht, beinahe seidig dreht der große Twin hoch. Auch mit knapp 37.000 km und 18 Jahren auf dem Buckel überzeugt das Aggregat mit ansprechender Gasannahme und bravourösem Durchzug. Aus den Zubehör-Töpfen der Mivv-Anlage dringt ein Bollern, das verrät, dass sich die letzten Partikel Dämmmaterial schon vor einiger Zeit verabschiedet haben dürften. Ein Klang, der 2024 aus der Zeit gefallen scheint, zumal die Lautstärke schlichtweg nicht dosierbar ist.

Hier zeigt sich bei der 990 Duke ein anderes Bild. Im direkten Vergleich präsentiert sich der Reihenzweier mit verhaltenem Klang. Im Sattel klingt es bei höheren Drehzahlen zwar ebenfalls sportlich, aber selbst das Hochdrehen gelingt auch ohne die Aufmerksamkeit von Anrainern oder Exekutive zu erregen. So unauffällig die Soundkulisse sein mag, der Vortrieb ist brachial. Druckvoll beschleunigt der Paralleltwin bereits aus niedrigsten Drehzahlen. Subjektiv spricht man der 990 Duke den vollen Liter Hubraum eher zu als der Super Duke 990. Der Fahrer kann dabei aus verschiedenen Fahrmodi wählen, die aber bis auf den Rain-Modus stets die vollen 123 PS abrufen. Zu den sonstigen elektronischen Möglichkeiten und Ausstattungen, verweise ich auf den Einzel-Testbericht zur KTM 990 Duke 2024 (LINK) zumal die 990 Super Duke außer dem E-Starter und einem mausgrauen kleinen LC-Display Vergleiche in dieser Kategorie überflüssig macht.

In Summe begeistern beide Motoren auf ihre eigene Weise. Da der frei brüllende V2 mit auch nach knapp zwei Jahrzehnten noch absolut ausreichender Performance, dort das technologische Gustostückerl mit Kraft in allen Lebenslagen und fantastischem Drehwillen. Bei einem weiteren Kapitel hat die alte Super Duke definitiv das Nachsehen: Bei ähnlicher Performance verbraucht sie bei unserer Testfahrt mehr als doppelt so viel Benzin, wie die 990 Duke.

Zwei Jahrzehnte WP-Entwicklung: Fahrwerke: 990 Duke 2024 und 990 Super Duke 2006 im Vergleich

Auch der KTM-eigene Fahrwerkbauer WP kann auf eine lange Tradition zurückblicken und so finden sich in beiden KTM-Nakeds einstellbare Komponenten der Marke verbaut. Wieder vermag die alte Super Duke ihre Beständigkeit zu präsentieren, auch 18 Jahre nach der Erstzulassung arbeitet die Federung tadellos. Das Ansprechverhalten liegt auf hohem Niveau und die Grundabstimmung stellt einen gelungenen Kompromiss aus Komfort und Performance sicher.

Steigt man auf die 990 Duke um, merkt man bereits nach wenigen Metern, dass das neue Fahrwerk beim sportlichen Fahren noch mehr Reserven liefert. Die Transparenz ist vorne wie hinten höher, auch wenn KTM die Umlenkung des Federbeins auch im Modelljahr 2024 der 1390 Super Duke R vorbehält, und man ist sich, dank des direkten Feedbacks, stets darüber im klaren, was sich unter einem tut.

Fazit zum Vergleich KTM 990 Duke 2024 und 990 Super Duke 2006

Eines hat sich in 20 Jahren Naked Bike Entwicklung bei KTM nicht geändert: Das Fahren mit den Spaßbringern aus Mattighofen zaubert dem Fahrenden ein breites Grinsen ins Gesicht. Den wohl massivsten Unterschied zwischen den beiden Bikes macht der Einzug der elektronischen Fahrhilfen aus. Kurven-ABS und schräglagenabhängige Traktionskontrolle auf Top-Niveau, dazu Wheelie-Kontrolle und Tempomat. All das hätte man 2006 nicht zu erträumen gewagt. Diese Hilfen ermöglichen es auch nicht sehr routinierten Fahrern das Potenzial der Maschine auszuloten bzw. sich mit diesem Sicherheitsnetz im Rücken an das Limit heranzutasten. Versuche in diese Richtung quittiert die Super Duke 990 unweigerlich mit dem Abwurf des übermotivierten Piloten. Hier ist der Fahrer seines eigenen Glückes Schmid. Die hochwertige Hardware (Motor und Fahrwerk, aber vor allem die Bremse) machen jedoch auch in fortgeschrittenem Alter eine tolle Figur.

Für Modelle in gutem Zustand werden immer noch deftige Preise verlangt, die 990 Super Duke ist wertstabil - mehr dazu im nächsten Absatz. Viele monieren den im Klassenvergleich hoch angesiedelten Preis der 990 Duke, in der Alpenrepublik kommt das Fahrzeug auf 15.990 Euro. Fakt ist, dass man für ein Bike mit vergleichbarer Leistung im Jahr 2005 in Österreich auch schon 13.890 Euro auf den Tisch legen musste. Auf den ersten Blick könnte man zu dem Schluss kommen, die 990 Duke ist 2.000 Euro teurer als die Super Duke 990 damals war. Inflationsbereinigt entspricht die Summe von 13.890 Euro im Jahr 2005 jedoch einem Betrag von rund 23.200 Euro nach heutiger Kaufkraft.

Spaßige KTM Nakeds waren und sind also kein günstiges Vergnügen, nimmt man einmal in ihre Sattel Platz, ist der schnöde Mammon jedoch sehr bald in Vergessenheit geraten. Dann kann man sich ihnen voll hingeben und das offensichtlich Jahrzehnte lang.

Hinweis: Die Einzelfazits unten im Bericht stammen vom jeweils letzten Einzeltest des Modells.

Situation am Gebrauchtmarkt KTM 990 Super Duke erste Generation

Eine derartig gut erhaltene KTM 990 Super Duke, wie die Maschine von Gebrauchtbikes.at am Markt zu finden, gleicht der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen, wie ein Blick auf den 1000PS Marktplatz verrät. Das Exemplar war neben der bereits erwähnten Mivv-Auspuffanlage mit modernen Spiegeln, dezenten LED-Blinkern von Rizoma und einer RCS 19 Bremspumpe von Brembo ausgerüstet. Viele andere Modelle am Markt wurden von ihren Vorbesitzern geschunden, verschandelt oder zu wenig gepflegt. Über die Haltbarkeit der KTM-Technik muss man sich, vorausgesetzt Services und Ölwechsel wurden pünktlich und vollständig erledigt, hingegen weniger Sorgen machen. Interessierte sollten jetzt zuschlagen, da sich die Situation in absehbarer Zeit wohl nicht bessern dürfte.

Fazit: KTM 990 Super Duke 2006

Immer noch kann man präzise in den Kurveneingang stechen oder das Bike anstellen. Immer noch kann man jeden Radius spielend und nach Belieben korrigieren. Immer noch macht die Superduke mehr Spaß als Gaudi in der Lederhose. Und immer noch kann man es mit ihr mit jedem aufnehmen.


  • Höchstleistungsgerät
  • extremes Potenzial - nicht zur Gänze erreichbar.
  • Geometrie
  • suboptimaler Fahrkomfort
  • Design der Intrumente.

Fazit: KTM 990 Duke 2024

Die neue KTM 990 Duke bietet eine grandiose Leistung, sowohl im entspannten Alltag, als auch auf der kurvigen Landstraße. Daher schmerzt die Sache mit der enttäuschenden Bremsleistung hier ganz besonders. Denn in Sachen Straßen-Spaßfaktor bleibt die KTM in der gehobenen Mittelklasse meiner Meinung nach so gut wie unangefochten. Selbst der zu hohe Preis, wenn man sie mit der Konkurrenz vergleicht, ist für mich kein Ausschlusskriterium. Laut mir gibt es in diesem Segment kein anderes Motorrad, das so dermaßen spritzig ans Werk geht, welches Stabilität und Handlichkeit so großartig vereint und dabei auch noch ein so hohes Maß an Alltagstauglichkeit bietet. Eine moderne KTM Duke mit zwei Zylindern ist schlicht und ergreifend ein einzigartiges Motorrad.


  • Spritziger und druckvoller Motor mit Manieren
  • Angenehme Sitzposition
  • Spielerisches Handling
  • Hohe Stabilität
  • Ausgezeichnetes Chassis mit viel Rückmeldung und Stabilität
  • Moderne Elektronik mit schräglagenabhängiger Traktionskontrolle und Kurven-ABS
  • Laufruhiger 2-Zylinder im unteren Drehzahlbereich ohne Ruckeln
  • Starker Durchzug im unteren Drehzahlbereich
  • Vielseitigkeit sowohl für Alltagsfahrten als auch für sportliches Fahren
  • Vertrauenserweckendes Fahrverhalten auch bei nassen Bedingungen
  • Sehr leicht und agil
  • Hochwertige Anzeige und angenehme Bedienung der Schalter
  • Design polarisiert
  • Preis/Leistungsverhältnis im Vergleich zu Mitbewerbern unterdurchschnittlich
  • Schaltung beim Testmotorrad diesmal zu knochig und harsch
  • Blipperfunktion könnte mehr Zwischengas geben
  • Feedback vom Fahrwerk nicht perfekt
  • Motor im unteren Drehzahlbereich etwas rauer als bei Drei- oder Vierzylindern
  • Design polarisiert

Bericht vom 19.07.2024 | 22.864 Aufrufe

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