CFMOTO 700 CL-X vs. CFMOTO 650 NK
Rennstreckenvergleich: Scrambler vs. Naked
Nach der Trackday-Winterpause melden wir uns mit einem ungewöhnlichen Mittelklasse-Vergleichstest zurück, bei dem wir die neue CFMOTO 700 CL-X Heritage gegen die bewährte CFMOTO 650 NK am Pannoniaring antreten ließen. Sprich: Scrambler gegen Naked.
Mit Stoppelreifen und 70 bzw. 56 PS am Ring?
Der aufmerksame Leser wird sich an dieser Stelle berechtigterweise und mit enormer Irritation wundern, warum wir die Rennstrecke mit grob aussehenden Enduroreifen und eher mäßigen 70 bzw. 56 PS gerockt haben. Gleichwohl NoPain nicht auf Rundenrekord programmiert war, wollten wir, nach zahlreichen Probefahrten in der Stadt und im herrlichen Kroatien, den Bikes auch mal so richtig die Sporen geben. Und was würde sich dafür besser eignen als die sichere Umgebung einer gesperrten Rennstrecke? "Kiesbett statt Leitschiene", lautete die Devise, aber die Pirellis klebten förmlich auf dem Asphalt und es kam erst gar nicht so weit.
Bevor wir uns aber den technischen Daten sowie den Fahreindrücken widmen, noch ein paar Worte zur Motorradmarke CFMOTO. Obwohl der chinesische Hersteller in unseren Breitengraden noch relativ unbekannt ist, blickt er auf eine lange Tradition zurück. Das Unternehmen wurde bereits 1989 gegründet, ist heute der größte ATV-Hersteller der Welt und zugleich einer der größten Zweiradproduzenten Asiens. Außerdem ist CFMOTO Kooperationspartner von KTM und baut seit zwei Jahren Mittelklasse-Bikes im Auftrag der Österreicher für den asiatischen Markt. Das notwendige Know-How zur Entwicklung modernster Motorräder scheint also vorhanden zu sein.
CFMOTO 700 CL-X Heritage Scrambler
Den Beweis dafür bringt CFMOTO mit ihrer 700 CL-X Heritage. Denn abgesehen von der etwas langweiligen Modellbezeichnung ist der Scrambler in puncto Design, Motor, Fahrwerk und seiner Ausstattung wirklich gelungen. So ist das Modell Heritage in den zwei wunderschönen Farbvarianten Twilight Blue bzw. Coal Grey erhältlich, bei welchen jeweils die Gabel-Eloxierung und die Pulverbeschichtung der Felgen - einmal in Bronze, einmal in Gold - perfekt aufeinander abgestimmt wurden. Echte Highlights sind auch die Sitzbank im Retrolook, die Tankseitenverkleidungen mit ihren integrierten Lufteinlässen und das "X", welches sich nicht nur in der Modellbezeichnung, sondern auch am Scheinwerfer, am Tacho und auf dem Kupplungsdeckel wiederfindet. Notorische Nörgler könnten offensichtliche Anleihen von der Ducati Scrambler oder der Honda CB-650R kritisieren, jedoch bleibt eines am Ende des Tages unumstritten: Die 700 CL-X Heritage von CFMOTO schaut trotzdem eigenständig und unglaublich cool aus.
Die Motorleistung geht mit 70 PS bei 8.750 U/min in Ordnung, der Antritt ist kräftig, der Sound kernig und die Bremsanlage von J.Juan, der spanischen Tochterfirma von Brembo, mit ihrer 320er Einzelscheibe vorne zwar kein brutaler Anker, aber für den normalen Einsatz auf der Straße standfest genug. Richtig gut gefiel uns das KYB Fahrwerk, denn sowohl die 41 mm Upside-Down-Gabel als auch das Monoshock Federbein sind komplett einstellbar, was uns natürlich gerade auf der Rennstrecke zugute kam.
Auch bei den Reifen wurde nicht gespart. Wie es sich für eine Scrambler gehört, wurden großartige Pirelli MT60 montiert - hinten in 17 Zoll und, um den Scrambler-Look zu unterstreichen, vorne in 18 Zoll. Wenngleich das größere Vorderrad in der City und bei gelegentlichen Schotterausflügen sicherlich praktisch ist, macht es hingegen auf der Landstraße und der Rennstrecke eher weniger Sinn - allerdings fiel uns das 18 Zoll Vorderrad am Pannoniaring auch nicht weiter störend auf. Features wie das Bosch-ABS, zwei wählbare Fahrmodi, die Full-LED-Beleuchtung mit Tagfahrlicht, selbstrückstellende Blinker, eine USB-Buchse und sogar ein Tempomat runden die umfangreiche Ausstattung ab. Um dieses Gesamtpaket noch besser ins rechte Licht zu rücken, nennen wir euch an dieser Stelle die fair kalkulierten Verkaufspreise: Die 700 CL-X Heritage kostet in Deutschland 7.199 Euro und in Österreich 8.199 Euro. Wie so oft ist aber nicht alles Gold was glänzt und das Bike besitzt auch einige Detailschwächen, über die man angesichts des Kaufpreises aber hinwegsehen sollte. Falls ihr mehr über die Stärken und Schwächen der 700 CL-X wissen möchtet, findet ihr auf 1000PS bereits zwei Videos - eines vom Vauli, der auf einem Vorserienbike unterwegs war, und ein weiteres vom [McGregor](https://www.youtube.com/watch?v=7NKrb32yYHw "McGregors MotoCon Test), der das Serienbike in Kroatien für euch getestet hat.
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CFMOTO 650 NK Naked Bike
Widmen wir uns nun der CFMOTO 650 NK. Beim Nakedbike gab es eine größere Überraschung. Zwar haben wir eine etwas gestrecktere Sitzposition, 17 Zoll Räder vorne und hinten mitsamt einer sportlicheren Bereifung und sogar eine kräftigere Bremsanlage mit Doppelscheibe vorne, insgesamt fühlte sich die 650er jedoch spürbar träger bzw. weniger sportlich an. Unterm Strich fehlten ihr rund 10 km/h Spitzengeschwindigkeit. Eigentlich hätten wir ja das genaue Gegenteil erwartet, aber schlussendlich verriet uns der Blick ins Datenblatt, woher die motorische Unterlegenheit herrührte. Denn die 650 NK hat nicht nur rund 50 ccm weniger, sie leistet auch mit 56,4 PS bei 8.250 Umdrehungen rund 13 PS weniger und wiegt mit fahrfertigen 206 kg gleich um 10 kg mehr als die Scrambler. Darüber hinaus war das Fahrwerk von KYB weder vorne noch hinten einstellbar. Allerdings lässt sich der NK 650 zugutehalten, dass sie mit 6.199 Euro in Deutschland und 6.999 Euro in Österreich auch deutlich weniger kostet. Dazu gesellen sich ihr modernerer Nakedbike-Look, das TFT Display und ein größerer Tank. Dieser schadet allerdings auch nicht, denn die NK 650 verbraucht um einen halben Liter mehr als die Scrambler. Zusammenfassend handelt es sich bei der NK 650 um ein solides und recht günstiges Nakedbike aus Fernost, das sicher seine Fans finden wird, aber der Scrambler - abgesehen von der Bremserei und dem agileren Handling wegen dem 17 Zoll Vorderrad - in den meisten anderen Belangen unterlegen ist.
NoPains Eindrücke von der Rennstrecke
Genug über Daten und Fakten, kommen wir nun zu den Fahreindrücken von der Rennstrecke. Auf beiden Bikes nahm NoPain bei einer Körpergröße von 175 cm eine ziemlich gemütliche Sitzposition ein. Die Lenker waren relativ hoch montiert und die Gewichtsverteilung nicht sonderlich vorderradorientiert. Diese Eigenschaften kommen zwar dem Fahrer in der Stadt und bei längeren Wochenendtouren natürlich entgegen, standen aber der gebückten Haltung auf der Rennstrecke eher im Weg. Bei den hohen Geschwindigkeiten fühlte sich das Naked definitiv stimmiger an, da mit dem weniger gekröpften Lenker und in der gestreckteren Sitzposition mehr Druck aufs Vorderrad ausgeübt werden konnte. Auch die Fahrwerke beider Motorräder waren ab Werk voll und ganz auf Komfort getrimmt. Hier glänzte jedoch das voll einstellbare Fahrwerk der CL-X, womit sich das Bike ohne großen Aufwand spürbar straffer abstimmen ließ. Das macht selbstverständlich noch kein Trackbike daraus, verbessert die Straßenlage aber deutlich. Das Naked-Fahrwerk bot hingegen keinerlei Einstellmöglichkeiten, was die Freude bei besonders sportlicher Fahrweise etwas trüben könnte.
Bezüglich der Motorleistung sollten sowohl die 70 PS der Scrambler als auch die 56 PS des Naked Bikes im Alltag vollkommen genügen, wenngleich der Leistungsunterschied beider CFMOTO unter Volllast schon deutlich wurde. Im Endeffekt hatte die CL-X nicht nur den charaktervolleren, sondern auch den spürbar stärkeren Motor. Vermutlich auch dem niedrigeren Gewicht von 10 kg geschuldet, schafften wir mit der Scrambler auf der Startzielgeraden rund 10 km/h mehr Highspeed. Aber auch beim starken Abbremsen gefiel uns das straffere Fahrwerk der CL-X besser. Mit der Zeit kam aber die Einscheibenbremse vorne, trotz ihrer hervorragenden Dosierbarkeit, öfters mal an ihre Grenzen. Auch der Druckpunkt ließ mit der Zeit ein wenig nach, was aber den durchschnittlichen Fahrer in der freien Wildbahn vor keinerlei Probleme stellen sollte. Die Schräglagenfreiheit war bei beiden Bikes relativ gut, was einerseits an der Cruiser-ähnlichen Sitzposition auf der CL-X und andererseits der zentralen Fußrastenposition an der NK lag. Grundsätzlich wurden die Fußrasten an beiden Modellen relativ weit vorne platziert, was es einem in schnellen Passagen schwer macht, sich optimal zwischen Rasten, Tank und Lenker zu verkeilen. Dieses Detail allerdings nur am Rande, denn wie bereits erwähnt, handelt es sich bei beiden CFMOTOs um keine echten Sportmotorräder, wenngleich auf der NK eine sportlichere Sitzposition möglich war.
Das Fazit unseres Vergleichstest
Beide Motorräder des noch relativ unbekannten Herstellers CFMOTO sind schicke, gut verarbeitete und agile Mittelklasse-Bikes mit einer top Ausstattung zum Kampfpreis. Besonders die etwas teurere 700 CL-X Heritage übertraf unsere Erwartungen und eignet sich nicht nur für preisbewusste Styler zum Ausflug ins Café oder ins lange Wochenende, sondern lässt durchaus auch sportliche Fahrleistungen zu. Wäre da nicht das Manko mit der etwas unterdimensionierten Einscheibenbremse am 18 Zoll-Vorderrad...aber für alle Interessierten gibt es zum Abschluss noch eine gute Nachricht vom Importeur, der KSR Gruppe: Die derzeit nur in Asien verfügbare "700 CL-X Sport" kommt ab Sommer auch zu uns nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz. Inklusive Doppelscheibenbremse vorne, Brembo-M50-Zangen und 17-Zoll-Felgen vorne und hinten. Preise stehen derzeit noch keine fest.
Bericht vom 24.04.2022 | 20.184 Aufrufe