Motorrad-Urlaub in Österreich 2021: Was kann Kärnten?
Trägt Kärnten den Titel Motorradland zurecht?
Natürlich freuen wir uns wenn die Grenzen zu den Nachbarländern wieder öffnen und vom Süden Österreichs ist es nur ein Katzensprung nach Slowenien und Italien. Aber auch in Kärnten selbst kann man herrlich Motorradfahren. Zeit für einen Kurztrip!
Die Wetter-Prognose fürs verlängerte Wochenende über Fronleichnam war ideal. Ursprünglich hätte es mich nach Italien gezogen, Venedig war schon fast gebucht, aber bei diesen herrlichen Bedingungen nicht Motorradfahren zu gehen, ist eigentlich auch keine Option. Kurzerhand wurde die Africa Twin gesattelt und schon ging es mit meiner Freundin am Soziussitz als Kompromiss ins südlichste Bundesland Österreichs. Das sonnige Kärnten behauptet von sich ein Motorradland zu sein. Was da dran ist, lest ihr in den folgenden Zeilen.
Härteprobe für die 1000PS Africa Twin mit Öhlinsfahrwerk
Obwohl mich die Africa Twin im vollen Tourenauftritt (Tankrucksack, Kofferset plus Topcase) heuer schon nach Slowenien und Kroatien begleitete, war die Reise nach Kärnten eine noch größere Herausforderung für die Maschine. Voll bepackte Koffer und Sozia machten ein paar Einstellungen am Fahrwerk erforderlich. Meister Strutzenberger hatte mir aber das nötige Wissen und Öhlins das perfekte Rüstzeug geliefert, um auch für diese Aufgaben vorbereitet zu sein.
Eine Challenge anderer Natur wartete auf den seit kurzem verbauten Akrapovic Endtopf, er hat zwar die Abnahme bei der Behörde klaglos erhalten (E-Prüfzeichen!), bei meiner Freundin war er aber noch nicht durch die Prüfung. Mit einem "Ich find es nicht schlimmer als vorher" quittierte sie locker, den herrlich bassigen Sound der mir jedes Mal ein Grinsen unter den Helm zaubert, wenn ich am Gashahn ziehe. Mit einem hat sie allerdings Recht: Die Anlage ermöglicht eine zivilisierte Fahrt durch Ortschaften und erfreut damit Fahrer und Anrainer gleichermaßen.
Kärnten ruft zum Motorradurlaub - da komm ich doch gerne
Als Basis für meinen Kurztrip wählte ich den Kuchler-Wirt in Treffen am Ossiacher See. Die Lage ist aus mehreren Gründen ideal. In weniger als 30 Minuten erreicht man die slowenische und die italienische Grenze. Richtung Norden liegen riesige Berge und traumhafte Routen wie die Nockalm-Straße oder etwas weiter westlich die Großglockner Hochalpenstraße. Zu den beiden erwähnten gesellen sich mit der Villacher Alpenstraße, der Goldeck-Panoramastraße und der Malta-Hochalmstraße noch drei weitere (mautpflichtige) Prachtstraßen. Exklusiv für Gäste der Motorradland-Kärnten-Hotels gibt es ein Kombiticket zum Vorzugspreis das auf allen fünf Alpen-Straßen gilt. Nach der Runde winkt dann ein erfrischendes Bad in einem der zahllosen Kärntner Badeseen.
Routenplanung leicht gemacht - Geheimtipps vom Hotelier
Für die besten Routen wende ich mich vertrauensvoll an den Hotel-Chef. Friedl ist selbst passionierter Motorradfahrer und kennt die Gegend wie seine Westentasche. Diese beiden Eigenschaften teilt er sich mit den meisten Wirten der Motorradland Kärnten Betriebe. Die Routen gibt es entweder als Datei für die gängigen Motorrad-Navis, oder klassisch auf einer tollen Übersichtskarte eingezeichnet. Dazu empfiehlt Friedl auch gerne Orte, an denen sich besonders gut Pause machen lässt, oder an denen es regionale Spezialitäten zu erstehen gibt. So füllten sich die Hepco & Becker Koffer immer weiter - der Gedanke an Platzprobleme bei Rückfahrt wurde ob der gebotenen Köstlichkeiten zur Seite geschoben.
Ein besonderes Service sind die geführten Touren, die einen abseits der ausgetrampelten Pfade, die ruhige Schönheit Kärntens erleben lassen. Normalerweise führt der Wirt selbst, diesmal wurde er aufgrund anderweitiger Verpflichtungen würdig vertreten. Guide Martin zeigte unserer kleinen Gruppe (4 Motorräder) verträumte Schlösser und wenig befahrene Straßen in Unterkärnten. Vom historischen Magdalensberg, den schon die Römer bewohnten, überblickten wir die herrlichen Straßen vor schneebedeckten Bergen. Dann ging es entlang kleiner und kleinster Wege, quasi gänzlich ohne Verkehr entlang sanfter Hügel mit Burgen zum sonnigsten Ort Österreichs - Diex - und wieder zurück nach Treffen. Was für eine entspannte Runde!
Eine positive Überraschung erlebten wir in beinahe jeder Ortschaft: Die Bevölkerung ist uns Motorradfahrern gegenüber sehr freundlich gestimmt. So viele Daumen hoch, sei es von Bauarbeitern auf (den wenigen) Baustellen entlang des Wegs oder von kleinen Kindern und deren Vätern, habe ich in den letzten Jahren äußerst selten erlebt. Umgekehrt sind wir natürlich auch mit angepasster Geschwindigkeit und Lautstärke durch bewohntes Gebiet gefahren. Es ist schön zu sehen, wie hier ein rücksichtsvolles Miteinander gelebt wird!
Dreiländertour an einem Tag - Kaffee in Slowenien
Am nächsten Tag war uns nach südländischem Flair zu Mute. Auch dafür hatte unser Wirt beim gemütlichen Frühstück die passende Empfehlung. Also runter in die hauseigene Motorrad-Garage (den Schmutz vom Vortag hab ich glücklicherweise bereits am Vorabend mit dem Hochdruckreiniger von der Maschine waschen können) und los geht´s. In etwa 20 Minuten ist man vom Ossiacher See am Fuße des Wurzenpass, der den Grenzübertritt nach Slowenien ermöglicht. Im Ort Podkoren auf der slowenischen Seite biegt man links ab und folgt der Straße, die durch den berühmten Skiort Kranjska Gora führt. Der dort aufgestaute Fluss Pisnica lädt zum Verweilen ein und bietet bei gutem Espresso spektakuläre Ausblicke auf das Triglav-Massiv. Die von der Schneeschmelze gut gefüllten Kanalbecken begeistern mit türkisblauem und -grünen Wasserfarben.
Weiter geht es auf den 1611m hohen Vrsicpass, oben liegt noch ordentlich Schnee, aber die Straßen sollen gut geräumt sein. Mit seinen engen und gewundenen Straßen in schlechtem Zustand und teils mit Kopfsteinpflaster ausgestatteten Kehren ist er eine fahrerische Herausforderung, belohnt dann aber mit unglaublichen Panoramen entlang des Weges. Hier kann das Öhlinsfahrwerk an unserer Africa Twin genauso glänzen wie es die Optik vermuten lässt. Unebenheiten werden weggebügelt und die Spur wird unbeirrt gehalten. Der Grip ist gefühlt grenzenlos, woran sicher auch der Conti TrailAttack 3 einen großen Anteil hat. Den Reifendruck habe ich aufgrund der Mehrbelastung mit Gepäcksystem und Sozia etwas erhöht. Der Komfort ist dennoch auf einem extrem hohen Niveau - keine Beschwerden vom Soziussitz trotz acht Stunden im Sattel!
Überwindet man den Vrisic trifft man im Örtchen Trenta auf das vielgerühmte Socatal. Die Soca, die in ihrem Verlauf über die Grenze nach Italien fließt und dort Isonzo heißt - ein Name der zumindest in Österreich bekannt sein dürfte -, ist einer der spektakulärsten Flüsse Europas. Der wilde Verlauf den das Wasser über Jahrhunderte in den Stein gezogen hat und die großartigen Farbspiele suchen ihresgleichen. Die Strecke ist jetzt in der Nebensaison gut befahrbar, im Hochsommer stauen sich hier leider Camper, Busse und PKW-Kolonnen. Dennoch ein echtes Erlebnis!
Angekommen in Bovec kann man sich entscheiden, entweder man fährt wieder nach Norden, Richtung Mangart (der höchsten Bergstraße Sloweniens), was wir aufgrund der Schneelage bzw der damit vermuteten verschmutzten Straßen unterließen oder man fährt weiter nach Süden und übertritt nahe dem winzigen Örtchen Livek die Grenze zu Italien. Die brav ausgefüllte Online-Registrierung und den durchgeführten COVID-Test wollte dort übrigens niemand sehen. Der Grenzposten war dem Aussehen nach zu schließen zuletzt im Jahr 1991 im 10 Tage-Krieg besetzt. Auch gut!
Dreiländertour an einem Tag - Mittagessen in Italien
Nach 20 Minuten Fahrt bergab gibt es im Ort Cividale del Friuli mit seiner Teufelsbrücke aus dem 15. Jahrhundert und langobardischen Tempeln einen Cappuchino für mich und einen Aperol Spritz für meine Begleitung. Die sommerlichen Temperaturen machen uns nichts aus, denn die Motorradbekleidung verstauen wir problemlos im Alu-Kofferset und erkunden die ausgestorbene Altstadt. Nun folgt eine fahrerisch eher uninteressante Etappe durch die Ebene rund um Udine. Wenn man diese vermeiden möchte hält man sich nach Cividale einfach nördlich, wo es unzählige kleine (teils unbefestigte) Straßen gibt.
Wenn man die Ebene (unbedingt mit einem Stop in der herrlichen Stadt Udine) durchquert, landet man in der Hauptstadt des friulanischen Schinkens: San Daniele. Die Koffer werden mit der ein oder anderen Kostprobe beladen und weiter geht es. Kurz nach San Daniele überqueren wir den Tagliamento, der Fluss der manchmal breiter manchmal schmäler, in einmal mehr und einmal weniger Kanälen dem Kanaltal seinen Namen gibt. Die SP 1 nach Norden bietet 40 Kilometer lang Kurven, Kurven, Kurven bis man irgendwann in Tolmezzo ist. Dort folgen wir der gut ausgebauten alten Kanaltalstraße SS 13 bis nach Pontebba.
Hier könnte man nach Norden über den Nassfeldpass bereits nach Österreich übersetzen. Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde folgen wir stattdessen allerdings der alten Hauptverbindung nach Österreich bis zum Grenzort Tarvis, der für ganze Generationen mit Italien-Urlaub in Verbindung gebracht wird. Die Einreise nach Kärnten quittiert der betagte Vize-Leutnant am Grenzposten mit einem müden Nicken und schon sind wir wieder zurück.
Dreiländertour an einem Tag - Abendessen in Österreich
Über die Autobahn geht es in 25 Minuten zurück nach Treffen. Ich bin dankbar, dass die Honda auch bei Tempo 140 mit immenser Stabilität glänzt. Mit montierten (und dank der Stops in Italien auch gut gefüllten Koffern) steigt der Autobahnverbrauch übrigens rund um 0,5 Liter auf 100 km. Dennoch ließ sich die mit unseren Umwegen rund 280 km lange Runde locker mit einer Tankfüllung absolvieren und ich tanke die Africa Twin vergleichsweise günstig in Österreich wieder auf. Nach einer lang ersehnten Dusche wartet schon das wohlverdiente Abendessen im Kuchlerwirt auf uns. Die Küche bietet alles was das Bikerherz begehrt und so lassen wir mit handgemachten Kärnter Kasnudeln von der Senior-Chefin und einem Bier unseren Tag ausklingen. Die Tour ohne Umwege über Udine und San Daniele und viele andere zum Nachfahren gibt es gesammelt auf der Homepage des Motorradland Kärnten.
Kärnten du siehst mich wieder! Motorradurlaub auf höchstem Niveau
Nach einem Badetag mit wenig Kilometern aber immer entlang toller Straßen steht am Sonntag leider schon die Heimfahrt an. Normalerweise hätte sich hier noch eine weitere schöne Route über die Turracher Höhe und durch die Steiermark für uns ergeben, doch der Regen zwang uns nach der malerischen Fahrt entlang des Ossiacher Sees auf die B 317 und dann weiter auf die Schnellstraße nach Wien. Wir hätten Kärnten wohl nicht verlassen sollen, denn hier blieb es den ganzen Tag trocken! Da bleibt mir wohl nur übrig möglichst schnell wieder ins Motorradland zu kommen - diesen Titel trägt Kärnten nämlich vollkommen zu Recht!